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Saids Schicksale
Zur Zeit Harun Al-Raschids, des Beherrschers von Bagdad, lebte ein Mann in Balsora, mit Namen
Benazar. Er hatte gerade so viel Vermögen, um für sich bequem und ruhig leben zu können, ohne ein
Geschäft oder einen Handel zu treiben. Auch als ihm ein Sohn geboren wurde, ging er von dieser
Weise nicht ab; »warum soll ich in meinem Alter noch schachern und handeln«, sprach er zu seinen
Nachbarn, »um vielleicht Said, meinem Sohn, tausend Goldstücke mehr hinterlassen zu können, wenn
es gut geht, und geht es schlecht, tausend weniger? Wo zwei speisen, wird auch ein dritter satt, sagt
das Sprichwort, und wenn er nur sonst ein guter Junge wird, soll es ihm an nichts fehlen.« So sprach
Benazar und hielt Wort; denn er ließ auch seinen Sohn nicht zum Handel oder einem Gewerbe
erziehen, doch unterließ er nicht, die Bücher der Weisheit mit ihm zu lesen, und da nach seiner
Ansicht einen jungen Mann außer Gelehrsamkeit und Ehrfurcht vor dem Alter nichts mehr zierte als
ein gewandter Arm und Mut, so ließ er ihn frühe in den Waffen unterweisen, und Said galt bald unter
seinen Altersgenossen, ja selbst unter älteren Jünglingen, für einen gewaltigen Kämpfer, und im
Reiten und Schwimmen tat es ihm keiner zuvor.
Als er achtzehn Jahre alt war, schickte ihn sein Vater nach Mekka zum Grab des Propheten, um an Ort
und Stelle sein Gebet und seine religiösen Übungen zu verrichten, wie es Sitte und Gebot erfordern.
Ehe er abreiste, ließ ihn sein Vater noch einmal vor sich kommen, lobte seine Aufführung, gab ihm
gute Lehren, versah ihn mit Geld und sprach dann: »Noch etwas, mein Sohn Said! Ich bin ein Mann,
der über die Vorurteile des Pöbels erhaben ist. Ich höre zwar gerne Geschichten von Feen und
Zauberern erzählen, weil mir die Zeit dabei angenehm vergeht, doch bin ich weit entfernt, daran zu
glauben, wie so viele unwissende Menschen tun, daß diese Genien, oder wer sie sonst sein mögen,
Einfluß auf das Leben und Treiben der Menschen haben. Deine Mutter aber, sie ist jetzt zwölf Jahre
tot, deine Mutter glaubte so fest daran als an den Koran; ja, sie hat mir in einer einsamen Stunde,
nachdem ich ihr geschworen, es niemand als ihrem Kinde zu entdecken, vertraut, daß sie selbst von
ihrer Geburt an mit einer Fee in Berührung gestanden habe. Ich habe sie deswegen ausgelacht, und
doch muß ich gestehen, Said, daß bei deiner Geburt einige Dinge vorfielen, die mich selbst in
Erstaunen setzten. Es hatte den ganzen Tag geregnet und gedonnert, und der Himmel war so schwarz,
daß man nichts lesen konnte ohne Licht. Aber um vier Uhr nachmittags sagte man mir an, es sei mir
ein Knäblein geboren. Ich eilte nach den Gemächern deiner Mutter, um meinen Erstgeborenen zu
sehen und zu segnen; aber alle ihre Zofen standen vor der Türe, und auf meine Fragen antworteten sie,
daß jetzt niemand in das Zimmer treten dürfe; Zemira, deine Mutter, habe alle hinausgehen heißen,
weil sie allein sein wolle. Ich pochte an die Türe, aber umsonst; sie blieb verschlossen.
Während ich so halb unwillig unter den Zofen vor der Türe stand, klärte sich der Himmel so plötzlich
auf, wie ich es nie gesehen hatte, und das Wunderbarste war, daß nur über unserer lieben Stadt Balsora
eine reine blaue Himmelswölbung erschien; ringsum aber lagen die Wolken schwarz aufgerollt, und
Blitze zuckten und schlängelten sich in diesem Umkreis. Während ich noch dieses Schauspiel
neugierig betrachtete, flog die Türe meiner Gattin auf; ich aber ließ die Mägde noch außen harren und
trat allein in das Gemach, deine Mutter zu fragen, warum sie sich eingeschlossen habe. Als ' ich
eintrat, quoll mir ein so betäubender Geruch von Rosen, Nelken und Hyazinthen entgegen, daß ich
beinahe verwirrt wurde. Deine Mutter brachte mir dich dar und deutete zugleich auf ein silbernes
Pfeifchen, das du um den Hals an einer goldenen Kette, so fein wie Seide, trugst: "Die gütige Frau,
von welcher ich dir einst erzählte, ist dagewesen", sprach deine Mutter, "sie hat deinem Knaben dieses
Angebinde gegeben." - "Das war also die Hexe, die das Wetter schön machte und diesen Rosen- und
Nelkenduft hinterließ?" sprach ich lachend und ungläubig. "Aber sie hätte etwas Besseres bescheren
können als dieses Pfeifchen, etwa einen Beutel voll Gold, ein Pferd oder dergleichen!" Deine Mutter
beschwor mich, nicht zu spotten, weil die Feen, leicht erzürnt, ihren Segen in Unsegen verwandeln.
Ich tat es ihr zu Gefallen und schwieg, weil sie krank war, wir sprachen auch nicht mehr von dem
sonderbaren Vorfall bis sechs Jahre nachher, als sie fühlte, daß sie, so jung sie noch war, sterben
müsse. Da gab sie mir das Pfeifchen, trug mir auf, es einst, wenn du zwanzig Jahre alt seiest, dir zu
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