| |
Sie stieg über manchen Grabhügel weg, den sie kannte, und ihr Herz wurde bange und immer banger,
je näher sie zu Käthchens weißen Rosen und zum Grab des gespenstigen Krämers kam.
Jetzt war sie da, zitternd kniete sie nieder und knickte die Blumen ab. Da glaubte sie ganz in der Nähe
ein Geräusch zu vernehmen; sie sah sich um; zwei Schritte von ihr flog die Erde von einem Grabe
hinweg, und langsam richtete sich eine Gestalt daraus empor. Es war ein alter, bleicher Mann mit einer
weißen Schlafmütze auf dem Kopf. Meine Schwester erschrak; sie schaute noch einmal hin, um sich
zu überzeugen, ob sie recht gesehen; als aber der im Grabe mit näselnder Stimme anfing zu sprechen:
"Guten Abend, Jungfer; woher so spät?" da erfaßte sie ein Grauen des Todes; sie raffte sich auf,
sprang über die Gräber hin nach jenem Hause, erzählte beinahe atemlos, was sie gesehen, und wurde
so schwach, daß man sie nach Hause tragen mußte. Was nützte es uns, daß wir am andern Tage
erfuhren, daß es der Totengräber gewesen sei, der dort ein Grab gemacht und zu meiner armen
Schwester gesprochen habe? Sie verfiel, noch ehe sie dies erfahren konnte, in ein hitziges Fieber, an
welchem sie nach drei Tagen starb. Die Rosen zu ihrem Totenkranz hatte sie sich selbst gebrochen.«
Der Fuhrmann schwieg, und eine Träne hing in seinen Augen, die andern aber sahen teilnehmend auf
ihn.
So hat das arme Kind auch an diesem Köhlerglauben sterben müssen, sagte der junge Goldarbeiter,
mir fällt da eine Sage bei, die ich euch wohl erzählen möchte und die leider mit einem solchen
Trauerfall zusammenhängt:
|
| |
|
|