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Die Höhle von Steenfoll
Eine schottländische Sage
Auf einer der Felseninseln Schottlands lebten vor vielen Jahren zwei Fischer in glücklicher
Eintracht. Sie waren beide unverheiratet, hatten auch sonst keine Angehörigen, und ihre
gemeinsame Arbeit, obgleich verschieden angewendet, nährte sie beide. Im Alter kamen sie
einander ziemlich nahe, aber von Person und an Gemütsart glichen sie einander nicht mehr,
als ein Adler und ein Seekalb.
Kaspar Strumpf war ein kurzer, dicker Mensch, mit einem breiten, fetten Vollmondsgesicht,
und gutmütig lachenden Augen, denen Gram und Sorge fremd zu sein schienen. Er war
nicht nur fett, sondern auch schläfrig und faul, und ihm fielen daher die Arbeiten des Hauses,
Kochen und Backen, das Stricken der Netze zum eigenen Fischfang und zum Verkaufe,
auch ein großer Teil der Bestellung ihres kleinen Feldes anheim. Ganz das Gegenteil war
sein Gefährte: lang und hager, mit kühner Habichtsnase und scharfen Augen, war er als der
tätigste und glücklichste Fischer, der unternehmendste Kletterer nach Vögeln und Daunen,
der fleißigste Feldarbeiter auf den Inseln, und dabei als der geldgierigste Händler auf dem
Markte zu Kirchwall bekannt; aber da seine Waren gut und sein Wandel frei von Betrug war,
so handelte jeder gern mit ihm, und Wilm Falke (so nannten ihn seine Landsleute), und
Kaspar Strumpf, mit welchem ersterer trotz seiner Habsucht gerne seinen schwer
errungenen Gewinn teilte, hatten nicht nur eine gute Nahrung, sondern waren auch auf
gutem Wege, einen gewissen Grad von Wohlhabenheit zu erlangen. Aber Wohlhabenheit
allein war es nicht, was Falkes habsüchtigem Gemüte zusagte; er wollte reich, sehr reich
werden, und da er bald einsehen lernte, daß auf dem gewöhnlichen Wege des Fleißes das
Reichwerden nicht sehr schnell vor sich ging, so verfiel er zuletzt auf den Gedanken, er
müßte seinen Reichtum durch irgendeinen außerordentlichen Glückszufall erlangen, und da
nun dieser Gedanke einmal von seinem heftig wollenden Geiste Besitz genommen, fand er
für nichts anderes Raum darin, und er fing an, mit Kaspar Strumpf davon, als von einer
gewissen Sache zu reden. Dieser, dem alles was Falke sagte, für Evangelium galt, erzählte
es seinen Nachbarn, und bald verbreitete sich das Gerücht, Wilm Falke hätte sich entweder
wirklich dem Bösen für Gold verschrieben, oder hätte doch ein Anerbieten dazu von dem
Fürsten der Unterwelt bekommen.
Anfangs zwar verlachte Falke diese Gerüchte, aber allmählich gefiel er sich in dem
Gedanken, daß irgendein Geist ihm einmal einen Schatz verraten kön ne, und er widersprach
nicht länger, wenn ihn seine Landsleute damit aufzogen. Er trieb zwar noch immer sein
Geschäft fort, aber mit weniger Eifer, und verlor oft einen großen Teil der Zeit, die er sonst
mit Fischfang oder andern nützlichen Arbeiten zuzubringen pflegte, in zwecklosem Suchen
irgendeines Abenteuers, wodurch er plötzlich reich werden sollte. Auch wollte es sein
Unglück, daß, als er eines Tages am einsamen Ufer stand, und in unbestimmter Hoffnung
auf das bewegte Meer hinausblickte, als solle ihm von dorther sein großes Glück kommen,
eine große Welle unter einer Menge losgerissenen Mooses und Gesteins, eine gelbe Kugel -
eine Kugel von Gold - zu seinen Füßen rollte.
Wilm stand wie bezaubert; so waren denn seine Hoffnungen nicht leere Träume gewesen,
das Meer hatte ihm Gold, schönes reines Gold geschenkt, wahrscheinlich die Überreste
einer schweren Barre, welche die Wellen auf dem Meeresgrund bis zur Größe einer
Flintenkugel abgerieben. Und nun stand es klar vor seiner Seele, daß vor Jahresfrist hier
irgendwo an dieser Küste ein reich beladenes Schiff gescheitert sein müsse, und daß er
dazu ersehen sei, die im Schoße des Meeres begrabenen Schätze zu heben. Dies ward von
nun an sein einziges Streben: seinen Fund sorgfältig, selbst vor seinem Freunde
verbergend, damit nicht auch andere seiner Entdeckung auf die Spur kämen, versäumte er
alles andere, und brachte Tage und Nächte an dieser Küste zu, wo er nicht sein Netz nach
Fischen, sondern eine eigends dazu verfertigte Schaufel - nach Gold auswarf. Aber er fand
nichts, als Armut; denn er selbst verdiente nichts mehr, und Kaspars schläfrige Bemühungen
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